08.04.2019, 19:30 Uhr in der Humboldt Bibliothek,
Ein Tribut an Journalisten, Schriftsteller, Librettisten und Musiker, Myra Gruhenberg, Emil u. Arnold Golz/Goldstein, Adele Jellinek, Walter Lindenbaum, Leo Štraus, und zum Gedenken an den ersten Transport nach Terezin. Durch die absolute Isolierung im Ghetto Terezin / Theresienstadt von der Außenwelt wollten die Nazis die Juden nicht nur körperlich und seelisch, sondern auch geistig hinrichten. Doch dieser Plan wurde nicht realisiert, denn der geistige Widerstand der meisten Häftlinge konnte nicht gebrochen werden. In das Ghetto wurde ein riesiger Zustrom an Wissenschaftlern, Ärzten, Musikern, Malern, Sängern, Schauspielern aus allen europäischen Ländern deportiert, kurzum: die intellektuelle Elite Mitteleuropas, und es entwickelte sich – heimlich - ein reichhaltiges, kulturelles Leben. Musik: Emerich Kalman und Familie Strauss.

MYRA GRUHENBERG (geboren 1900 Wien, ermordet 1944 in Auschwitz), war eine österreichische Journalistin, Schriftstellerin und Sängerin. Ihre Kurzgeschichten wurden regelmäßig in der Wiener Zeitung und im Prager Tagblatt veröffentlicht. Sie schrieb Hörspiele für den Kopenhagener Rundfunk und Stücke, die in Amsterdam und Prag aufgeführt wurden. Sie war mit Leo Strauss verheiratet. Beim Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 erhielten beide als Juden Berufsverbot. Myra Straus-Gruhenberg und ihr Ehemann wurden am 1.Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie wirkte dort im Kabarett-Programm „Straus-Brettl“ mit und trat mit ihrem Ehemann auf. Ihre Texte aus dieser Zeit wie z.B. „Meine letzte Zigarette …“, oder „Wozu brauchts ihr dann ein Stern?“ sind uns erhalten geblieben. Am 12. Oktober 1944 wurde sie mit ihrem Ehemann nach Auschwitz-Birkenau deportiert …

ARNLD UND EMIL GOLZ / GOLDSTEIN Die Zwillinge Emil (1866-1944) und Arnold Golz (1866-1942) beide ermordet in Theresienstadt, Söhne von Josef Goldstein, Oberkantor im Leopoldstädter Tempel, waren erfolgreiche Librettisten. Wirken gemeinsam zum Beispiel als Vortragsmeister mit Leopoldstädtische Ungeniertheit an den populären „Wiener jüdischen Dioskuren“ und kreierten von 1894 bis 1903 s. g. Golz Abende a denen auch ihre Schwester die Sängerin Irma Goldstein mitwirkte; nach ihrem Tod 1903 waren beide als Bühnenautoren tätig und verfassten gemeinsam zahlreichen Komödien, Schwänke, Possen, Operetten u. A. Werke Die schöne Ehebrecherin, Grüß dich Gott, Cousine; Epsteins Witwe; In geheime Mission; Die Meerjungfrau, Hulda Pessl in Venedig; Königin Mutter (1940 in Wien Augeführt)

ADELE JELLINEK, am 02.März 1890 im Arbeiterbezirk Ottakring geboren, Jüdin, schrieb vorwiegend Erzählungen, Feuilletons und Gedichte, veröffentlichte in sozialistischen Tages-Zeitungen (u.A. Neue Erde, Arbeiter-Zeitung, Das Kleine Blatt, Die Unzufriedene, Deutsche Freiheit, Neues Wiener Abendblatt, Neues Wiener Tagblatt), und war Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Sie schrieb auch Gedichte und 1928 erhielt sie zwei Preise für dramatische Jugenddichtungen. Ihr spätere Gedicht „Brot und Rosen“ wurde in vielen Zeitungen in Österreich und in der Tschechoslowakei veröffentlicht und von der Kritik sehr positiv beurteilt. Seit einer misslungenen Operation war sie an den Rollstuhl gefesselt. Sie musste nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 ihre Wohnung in Ottakring verlassen und fand nach einer Zwischenstation in der Leopoldstadt schließlich Unterkunft in einem Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde Wien im Alsergrund, ihre letzte Unterkunft in Wien. Mit anderen Insassen des Heimes wurde sie am 25. Mai 1943 mit einem Güterzug ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 03. August 1943 starb.

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MALERIN HELGA WEISSOVA-HOSKOVA

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SS PROPAGANDAFILM „DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT“

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REGISSEUR KURT GERON

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„ARBEIT MACH FREUDE …“

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„NORDSTADT SPIELT FUSSBALL GEGEN SÜDSTADT“

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„AUCH KINDER SIND DABEI“

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UNTERHALTUNG DURCH SPORT
WALTER LINDENBAUM, Journalist, Kabarettist, Schriftsteller in Wien, trat gemeinsam mit Jura Soyfer, Peter Hammerschlag, Karl Farkas und anderen der Kleinkunstbühne „Cabaret ABC im Regenbogen“ auf. Auch für das Kabarett „Kleinkunst in den Kolonnaden“, geleitet von Frau Renée Bronneck schrieb Lindenbaum satirische Beiträge. Seine Stücke wurden von Schauspieler/innen wie Irma Agaston, Josef Meinrad und Eduard Linkers vorgetragen und u.a. von Leon Askin inszeniert. Walter Lindenbaum beschreibt in seiner Lyrik und in seinen Skizzen, das karge Leben des Großstadtproletariats, Schuhputzer, Kolporteure, Bettler und die in der bitteren Zeit der Arbeitslosigkeit zum täglichen Straßenbild zählenden Hofsänger. Über diese Menschen, die ihren armseligen Lebensunterhalt auf der Straße organisierten, schrieb Lindenbaum eindrucksvolle Gedichte. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 erhielt er einen Posten bei der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde und arbeitete dort als Blitz-Dichter, Geburtstagsfeierer und Vermittler von Geschenksendungen. Am 1. April 1943 wurde die Familie Lindenbaum nach Theresienstadt verschleppt. Auch hier in dieser Zwangsgemeinschaft versuchte Walter Lindenbaum durch seine Mitarbeit an Kabarettaufführungen mit seiner Lyrik, seine Leidensgenossen ein wenig aus der drückenden Not und Verzweiflung herauszuheben. Walter Lindenbaum verwendete bei seinen Auftritten sowohl seine Gedichte aus der Zeit vor der Deportation, als auch neue Dichtungen und Lieder aus Theresienstadt. Heute erinnert in Wien eine „Walter Lindenbaum-Gasse“ an diesen großen österreichischen Schriftsteller.

LEO STRAUS, Wiener Kabarettkünstler, Dramaturg und Schriftsteller, wurde am 21. 01.1897 in Teplitz-Schönau in Böhmen, als Sohn des Komponisten Oscar Straus und der Violinistin Nelly Irmen, geboren. Er war Direktor und Dramaturg der Wiener Kammerspiele und 1929– 31 Dramaturg bzw. stellv. Direktor am Neuen Wiener Schauspielhaus. Er schrieb den Text zur Revue „Rutschbahn“ (1929), war Coautor von „Für dich, Papa“ und „Der tanzende Shylock – Revue um jeden Preis“ (Musik Erwin Strauss, UA 1932) und publizierte unter dem Namen seiner Frau Myra Gruhenberg. Am 2.Oktober 1942 wurde Leo Straus mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert, wo er im Rahmen der sogenannten „Freizeit-gestaltung“ Kabarettabende arrangierte und an Kurt Gerrons Kabarett „Karussell“ mitwirkte. Er schrieb Sketches und Texte für das Kabarett u. a. „Als ob“, „Drunt im Prater ist ein Platzerl“, „Theresienstädter Fragen“, „Theresienstädter Währung“, „Karussell“, „Der Song vom Soll und Haben“ und gründete auch ein Ensemble, in dem er selber auftrat und Texte schrieb. 1944 wurden er und seine Frau nach Auschwitz deportiert und ermordet.

HELGA WEISSOVA-HOSKOVA wurde am 10. Dezember 1941, zwölfjährig, nach Theresienstadt deportiert. Sie lebte im Mädchenheim L410. Ihr Vater sagte noch zu ihr „Zeichne, was Du siehst!“. Sie zeichnete den Alltag der Menschen im Ghetto. Sie malte Bilder von alltäglichen Szenen wie der Essensausgabe oder dem Transport von Brot auf einem Leichenwagen. Es gibt kaum Fotografien aus jener Zeit, Helga Hoskova Zeichnungen sind die einzigen erhaltenen Bilddokumente des Lebens in Theresienstadt. In Auschwitz wurde sie als Arbeitsfähig selektiert und als Zwangsarbeiterin in das Frauenaußenlager des KZ Flossenburg Freiberg geschickt und absolvierte noch ein Todesmarsch nach Mauthausen dort wurde sie am 5.Mai 1945 befreit. Nach dem Krieg studierte Sie in Prag an der Kunstakademie bei Emil Fila Malerei und wurde akademische Malerin.
Im Rahmen der Veranstaltungen von deutsch-tschechischer Kulturinitiative „Erbe und Zukunft“ fanden zwischen 1990 und 2004 fünf Ausstellungen mit Werken von Helga Weissova-Hoskova in der Bundesrepublik Deutschland statt. Erste und zweite Ausstellung wurde realisiert im Rahmen der Schlossfestspiele Ellwangen in Baden-Württemberg, in der Kath. Akademie Schwerte und Merzig und die letzte fand im Rahmen des Festivals Prag-Berlin in der Europäische Akademie Berlin-Grunewald statt. Nach 1990 war es die erste Ausstellungsreihe dieser Art in der BRD. 1998 ist im Wallstein-Verlag/Göttingen ein Buch über Helga Weissova-Hoskova „Zeichne was du siehst“ mit ihren Zeichnungen aus Terezin, Auschwitz, Flossenburg und Mauthausen.

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TEREZINER PROMENADE

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ERHALTUNG DURCH MUSIK: KARL ANCERL DIRIGIERT“

Brot und Rosen von Adele Jellinek (In Massachusetts, während eines Streiks, haben Arbeiterinnen eine Standarte umhergetragen, darauf stand: Wir wollen Brot – aber auch Rosen!")
Trapp, trapp – ein dröhnender Schritt
Geht durch die Stadt. Wer wandert mit?
Dunkle Gestalten – ein stummer Zug –
Nur einer, der bunte Farben trug.
Eine Fahne wallt auf,
Schreit rot!
Steigt's nicht wie dröhnende Glocken auf?
Wir wollen Brot!
O Land, Land!
O Stadt, Stadt!
Nun ruhst du müde und matt,
Wie eine welke Frau.
Hebe dein Haupt und schau!
Siehst du den schwelenden Brand?
Hörst du den dunklen Ruf?
Spürst du die starke Hand,
Die dir dein rastloses Leben schuf?
Nun ruht sie still.
Die Fahne schreit rot –
Wir wollen Brot!
Doch hinter den dunklen Männerreih'n –
Was geht da her?
Was setzt den Fuß zu zweien und drei'n
So leicht einher?
Wie weiße Rosen
Das junge Gesicht,
In jungen Augen blaufunkelndes Licht ...
Das murmelt und summt wie Glocken vom Dom,
Bringt Farben in diesen dunklen Strom.
Das zieht zuhauf,
Das wogt hin und her,
Als sprängen plötzlich die Wellchen auf
Im stillen Meer! Ihr Mädchen und Frau'n!
Ich hör euren Schritt ...
Leicht dröhnt er über die Straßen.
Doch sagt – habt ihr keine Fahne mit?
Wo habt ihr die rotrote Fahne gelassen?
Ihr habt die Farben, ihr habt das Licht –
Habt ihr keine Stimme, die für euch spricht?
Da klingst wie ein Lachen im Lärmen vorbei –
Und eine Standarte schreit rot, wallt auf!
Das ist uns're Stimme! Hebt sie hoch, hebt sie frei!
Was steht darauf?
Was ruft so laut?
Was klingt wie ein Schrei im Lärmen und Tosen?
Wir wollen Brot!
Wir wollen Brot!
Aber wir wollen auch Rosen!


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TEREZIN, ANSPRACHE BOTSCHAFTER TSCHECHIENS S. E. TOMAS J PODIVINSKY 08.04.2019

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ANSPRACHE DETLEF DZEMBRITZKI MdB, TEREZIN, AM 08.04.2019, HUMBOLDT BIBLIOTHEK

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TEREZIN, 8.04.19, COLLEGIUM TSCHECHISCHER PHILHARMONIKER, HUMBOLDT BIBLIOTHEK

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TEREZIN ENSEMBLES, AM 08.04.2019 IN DER HUMBOLDT BIBLIOTHEK
OLI BOTT, UTE F. KANNENBERG, ANTJE RIETZ, SUSANNE EISENKOLB, MANFRED EISNER

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